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Baugeschichte

Kleiner Führer durch die Sankt-Stephans-Kirche Tangermünde

 

Liebe Besucher, seien Sie herzlich zu einem Rundgang eingeladen!

 

Sie haben von Westen aus das Gotteshaus betreten und können die Gesamtheit des Bauwerks erfassen:

Die drei Schiffe steigen nahezu gleichhoch auf und geben somit den Bautyp der Hallenkirche vor. Das Langhaus erstreckt sich über sechs Gewölbejoche. Die Seitenschiffe sind hinter dem liturgischen Chor polygonal zusammengeführt (Hallenumgangschor) und durch Querarme ergänzt.

 

Sie haben das gesamte Langhaus durchquert und stehen nun vor dem Chor. Von hier lässt sich die Baugeschichte der Kirche nachvollziehen:

Das erste nachweisbare Bauwerk ist eine romanische Backsteinbasilika mit apsidialem Chor (vor 1188). Von diesem Bau sind noch einige Teile vorhanden, die es ermöglichen, das Aussehen des Gebäudes zu rekonstruieren: An das dreischiffige Langhaus mit niedrigen Seitenschiffen und hohem Mittelschiff schloss sich ein Querhaus an, dessen nördliches Fensterpaar in der Außenwand des letzten Langhausjoches noch vorhanden ist. Die beiden rundbogigen Fenster sind durch ihre geringere Größe von den übrigen Fenstern des Gebäudes zu unterscheiden. Die Lage der Fenster in der Wand zeigt uns, dass zumindest das Querschiff, wahrscheinlich die ganze Kirche, flach gedeckt war. Nach Osten waren der Hauptchor und zwei Nebenapsiden angeschlossen.

 

Im späten Mittelalter entstand in mehreren Etappen der bis heute erhaltene Neubau der Kirche: Die Ausdehnung des romanischen Querschiffes gab die Breite des spätgotischen Hallenlanghauses vor. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtete man zunächst die Langhausnordwand und die mit Nischen ausgestattete Wandzone der Südwand, dann nach verändertem Bauplan die dortigen Fenster und eine Westwand. Schließlich wuchsen die Pfeiler und Arkaden. Um das Jahr 1405 wurde der Dachstuhl (dendrochronologisch datiert) gezimmert und das Kreuzrippengewölbe eingezogen. Ungewöhnlich fallen die Pfeiler aus, deren achteckige Form durch eine regelmäßige Folge kräftiger Profile aufgewertet wurde.

 

Gerne wurde in der lokalen Geschichtsforschung Kaiser Karl IV. für diesen Bauabschnitt als Auftraggeber angeführt: Zwischen 1373 und 1378 bezog Kar IV. die Tangermünder Burg als Residenz in die Reichsverwaltung mit ein. Er installierte ein Augustinerchorherrenstift auf der Burg und übertrug diesem als Einnahmequelle die Pfarrkirche St. Stephan, an der die Chorherren später auch teilweise ihren Chordienst leisteten und die Nebenaltäre betreuten. Eine Auftraggeberschaft Karls IV. an der Stephanskirche ist jedoch nicht nachweisbar und eher unwahrscheinlich.

 

Vermutlich kurz nach Mitte des 15. Jahrhunderts konnte der Neubau des Chores in Angriff genommen werden: Zunächst entstanden die Umfassungsmauern des Chorumgangs und der Querflügel, dann erst wurde der alte romanische Chor abgerissen. Auch hier bestimmen die Pfeiler zwischen Binnenchor und Umgang die Raumwirkung: Es handelt sich um Rundstützen mit vierseitig vorgeblendeten Diensten unter kräftig profilierten Stützbögen. Der Dachstuhl über dem Chor wurde um die Jahre 1474/75 (dendrochronologisch ermittelt) aufgestellt.

 

Die heutige Raumfarbigkeit richtet sich nach der Erstausmalung des Chores, dem das Langhaus noch im 15. Jahrhundert angepasst wurde. Diese Farbfassung mit weiß getünchten Wänden und Pfeilern sowie rot und grau abgesetzten Bau- und Gewölbegliedern wurde 1980 – 1983 rekonstruiert. Ebenfalls dem 15. Jahrhundert gehören die Rankenmalereien um die Gewölbeschlusssteine und die Grotesken an den Gewölbelöchern an.

 

Als Rest der Ausmalung des 14. Jahrhunderts sind um ein großes Loch im Langhausgewölbe vier Engel mit den Leidenswerkzeigen Christi sowie Schriftbändern erhalten. Dieses sogenannte Himmelfahrtsloch spielte in der mittelalterlichen Auferstehungsliturgie eine wichtige Rolle, denn eine (nicht mehr vorhandene) Holzskulptur, die den auferstehenden bzw. himmelfahrenden Christus darstellte, konnte vor den Augen der Kirchenbesucher in den Dachraum gezogen werden.

 

Betrachten wir nun die Ausstattung der Kirche:

Der Taufkessel von 1508 befindet sich heute in der sogenannten Taufkappel (ehemals Fronleichnamskapelle). Der Bronzeguss überzeugt weniger durch seinen figürlichen Schmuck als vielmehr durch seine kubische Kelchform, deren Oberfläche wie gedrechselt wirkt. Aufgenietet sind eine kleine Kreuzigungsgruppe, der Erzmärtyrer Stephanus mit den Steinen (Marterwerkzeuge) in den Händen, eine Maria mit dem Christuskind auf der Mondsichel und die heilige Anna Selbdritt.

 

Wenden wir uns nach Süden:

Dort befindet sich in einer Seitenschiffnische das anrührende Andachtsbild Christus in der Rast aus dem 15. Jahrhundert. Auf dem Wege zur bevorstehenden Kreuzigung ruht der niedergeschlagene und von allen verlassene Christus kurz auf einem Stein aus. Die Darstellung fordert den Betrachter zur Besinnung über die Passion Christi und zum Mitleid auf.

In der Taufkapelle hängen einige Bildnisse Tangermünder Pastoren.

 

Im südlichen Querarm fand ein weiters Andachtsbild, Christus als Schmerzensmann, seien Aufstellung in einer eigens dafür vorgesehenen Wandnische. Gegenüber sind vier Holztüren mit Malereien und Schnitzereien aus spätgotischer Zeit erhalten. Dahinter verbergen sich Wandschränke ursprünglich zur Aufnahme liturgischer Geräte und Gewänder.

 

Auch die Sakristeitür aus Eiche und die Wandmalerei daneben gehören zum Originalbestand. Dargestellt ist der heilige Antonius in Ordenstracht mit Antoniuskreuz und seinem Attribut, dem Schwein, der als Schutzherr der Haustiere und als Patron der Kranken verehrt wurde. Zu seinen Füßen kniet der Stifter dieser Wandmalerei in frommer Anbetung.

Neben der Sakristeitür sind Reste eines mittelalterlichen Altartuches ausgestellt: Die figürliche Stickerei zeigt eine Falknerin und das Einhorn, Symbol der Jungfräulichkeit Mariens.

 

Eine weiter Skulptur, eingestellt in ein Hirschgeweih, hängt vom Gewölbe herab: die so genannte Jungfer Lorenz von ca. 1460 ist ein Votivbild, wurde also aus Dankbarkeit für eine besondere göttliche Fügung gestiftet. Der Sage nach verirrte sich die Jungfer Lorenz im Wald und wurde von einem Hirsch in die Stadt zurückgebracht.

 

Die große Marienskulptur (von 1502) im Chorumgang dürfte ursprünglich zu einer Triumphkreuzgruppe gehört haben und befand sich folglich oberhalb eines Triumpfbalkens am Eingang des Chores, der früher durch eine Chorschranke abgetrennt gewesen sein könnte.

 

Ungefähr einhundert Jahre jünger ist die Holzskulptur einer Trauernden mit Kopfschleier, möglicherweise einer Maria aus einer Grablegungsgruppe. Die daneben ausgestellte Skulptur ist nicht genauer zu benennen: Es handelt sich um eine weibliche Heilige, deren Gewandfaltenwurf und die langen modisch gelockten Haare ihre Entstehung um die Mitte des 15. Jahrhunderts anzeigen.

 

Im nördlichen Querarm ist der Kapellenraum (Krullsche Kapelle) heute dem Gedenken der Weltkriegstoten gewidmet. Zwischen den Erinnerungstafeln ist mittlerweile der noch erhaltene Textilschatz ausgestellt. In einer Glasvitrine wird eine mittelalterliche Altardecke mit Ornamentaler Plattstichstickerei und Applikationen aus Leder und Stoff aufbewahrt. Zu dem Bestand an mittelalterlichen Textilien gehören Kaseln und Reste von Kaseln (das Gewand des Priesters während der Messfeier) vermutlich aus dem 15. Jahrhundert.

 

Gegenüber dem Kapelleneingang hängt das Gemälde „Christus vor dem hohen Rat“ von 1697 an der Rückwand des Chorgestühls.

 

Über der Kapelle befindet sich eine Empore, die ursprünglich für eine Orgel und für Sänger bestimmt war. Unter der Emporenöffnung ist eine auf den Chorbau bezogene Inschriftentafel eingemauert: Teilweise finanziert wurde der Bau aus einer privaten Stiftung. Der Bürger Berthold Schulte vermachte dafür eine Geldsumme, die Kirche sollte als Gegenleistung immerwährend in seinem Namen Almosen verteilen.

 

In der ganzen Kirche sind Epitaphien des 16. bis 19. Jahrhunderts an den Pfeilern und Außenwänden aufgestellt und geben Auskunft über das Leben und Sterben vieler Tangermünder Bürger der vergangenen Jahrhunderte. Die künstlerisch wertvollsten aus dem 16. und 17. Jahrhundert befinden sich im nördlichen Querarm: Die Verstorbenen sind halb- oder ganzfigurig dargestellt. Ihre Namen und die Umstände ihres Todes sind als Umschrift vermerkt.

 

Einen schweren Einschnitt in die Tangermünder Stadt- und Kirchengeschichte verursachte der Stadtbrand von 1617, dem ein Teil der mittelalterlichen Ausstattung zum Opfer fiel. Danach wurden die Kanzel, die Orgel, die Langhausempore, das Chorgestühl und später der Hochaltar erneuert.

 

Betreten wir nun den Chor:

Der Erneuerungsphase nach dem Brand gehört das Chorgestühl mit Architekturdekor der Spätrenaissance an. Das gewaltige Hochaltarretabel von 1705, ein hölzerner, farbig gefaßter Aufbau aus drei Geschossen, ist mit Türen für den Abendmahlsumgang der Gemeinde ausgestattet. Im Hauptgeschoss flankieren Moses und Johannes der Täufer als Vertreter des alten Bundes eine Kreuzigungsdarstellung. Die Apostelfürsten Petrus und Paulus begleiten die seltene Darstellung Christi als Löwe aus dem Stamme Juda, der Tod und Teufel besiegt. Ein so großer Barockaltar ist in der Altmark singulär.

 

Lassen Sie uns nochmals das Mittelschiff der Kirche betreten:

Die steinerne Kanzel von 1619, vermutlich eine Arbeit des in Magdeburg nachweisbaren Bildhauers Christoph Dehne, ist von herausragender Qualität. Stilistisch zeugt sie in Aufbau und Gestaltung vom Geist der Spätrenaissance: Der ausdrucksstarke Figurenstil zwischen Dramatik und Exaltiertheit und das üppig wuchernde Dekor aus Knorpelwerk weisen das Werk dem Manierismus zu. Dargestellt sind Moses als Kanzelträger, der gebeugt über den Gesetzestafeln grübelt, sowie die Apostel als vollplastische Skulpturen in ausgeprägten Körperdrehungen. Außerdem zeigen Reliefs zentrale biblische Themen, bei denen in gestalterischer Hinsicht die Aspekte Landschaft, Räumlichkeit und Körperlichkeit die künstlerischen Errungenschaften der Neuzeit bezeugen.

Ikonographie von links nach rechts: Die Verkündigung an Maria, die Anbetung der Hirten, die Beschneidung Christi, die Kreuzigung sowie als typologische Anspielung aus dem Alten Testament die Opferung Isaaks und die Aufrichtung der ehernen Schlange und schließlich die Grablegung Christi.

 

Das nördliche Seitenschiff wird von einer hölzernen Empore mit kunstvoller Brüstungsgestaltung eingenommen: In Architekturrahmen befinden sich insgesamt 41 Bildfelder, überwiegend biblische Szenen aus der Genesis, den Berichten der Erzväter und der Johannesgeschichte. Unter den frühbarocken Bildern sind die Namen von bürgerlichen Stiftern und ihre Hausmarken vermerkt.

 

 Zu den Höhepunkten der Kirchenbesichtigung gehört die große barocke Orgel, die 1624 von Hans Scherer d. J. aus Hamburg geschaffen wurde. Der Architektonische Aufbau aus Hauptwerk, Rückpositiv und Basstürmen entspricht dem so genannten Hamburger Prospekt, den die Familie Scherer in den Orgelbau einführte und der die norddeutsche Barockorgel maßgeblich bestimmte. Ein in der Musikwelt der Gegenwart einmaliges Ergebnis erbrachte die 1994 durch die Firma Alexander Schuke Potsdam fertig gestellte Restaurierung der Orgel. Trotz mehrerer Umbauten im Laufe der Jahrhunderte konnte das Klangbild Hans Scherers auf der Grundlage der erhaltenen Originalpfeifen (50%) wiederhergestellt werden. Der höchst qualitätvolle, überaus detailreich geschnitzte Pospekt zeigt in seinen architektonischen Gliederungsformen und antikisierenden Zierfriesen die Herkunft aus der Renaissance am Übergang zum Barock.

 

Gleich hinter dem Eingang im Inneren einer Nische steht eine lebensgroße Figur des hl.  Jakobus der Ältere. Ausgestattet mit Mantel, Stab und Pilgerhut begegnet uns, der Patron der Pilger, der den Gläubigen zu einer der wichtigsten christlichen Bußleistungen, der Wallfahrt ermahnt. Die Skulptur entstand um 1420/30.

 

Bitte versäumen Sie nicht, nach dem Verlassen des Innenraumes den Außenbau von St. Stephan etwas eingehender zu betrachten.

Die verschiedenen Bauphasen sind gut anhand der variierenden Dekorationsformen (Maßwerkfriese) zu unterscheiden.

Lassen Sie den gewaltigen Westbau auf sich wirken, dessen welsche Haube auf dem Nordturm seit 1712/14 die Silhouette der Stadt prägt.

Stimmungsvoll ist auch das Gebäudeensemble des sog. Prälatenbergs auf der Südseite der Kirche.

 

Die St. Stephanskirche in Tangermünde zählt zu den herausragenden Bauwerken der norddeutschen Backsteingotik. Aufgrund ihrer qualitätvollen Architektur und der wertvollen Ausstattung erreicht sie europäischen Rang.

 

                                                                                                           Dr. Martina Sünder-Gaß